Vorübergehend behindert (Teil 5)

Der (hoffentlich) letzte Teil meiner Miniserie über das Leben mit Einschränkungen.

Mittlerweile sind fast fünf Monate seit meinem Unfall vergangen.

Ich laufe wieder, allerdings sehr langsam. Draußen brauche ich immer noch eine Krücke, drinnen kann ich auch so laufen. Treppen hochlaufen funktioniert sehr gut, Treppen hinunterlaufen leider noch nicht. Der Fuß schmerzt immer noch bei bestimmten Bewegungen. Und das Rolltreppe fahren habe ich dank der Hilfe meines Freundes auch wieder gelernt. Das ist auch notwendig. Der RMV hat zwar viel Geld investiert, um die Stationen behindertengerecht zu gestalten, aber leider siegt allzu oft der Zerstörungswahn meiner Mitmenschen. Die Aufzüge sind außer Betrieb.

Im Großen und Ganzen bin ich immer noch überwältigt von der Hilfsbereitschaft meiner Mitmenschen. Selbst im vollsten öffentlichen Verkehrsmittel bekomme ich einen Sitzplatz angeboten – wofür ich dankbar bin, weil längeres Stehen schmerzt und den Fuß stark anschwellen lässt.

Leider habe ich auch schlechte Erfahrungen machen müssen, die letzte erst vor knapp einer Woche. Und um es gleich zu sagen: es sind nie pauschale Urteile. Auf einen, der sich daneben benimmt, kommen zehn, die es nicht tun. Grundsätzlich kann ich sagen, dass mich die gleichen Dinge ärgern, die mir im gesunden Zustand auch missfallen. Aber was für einen gesunden Menschen ein Ärgernis ist, ist für einen behinderten Menschen gefährlich. An einigen Stellen würde ich entsprechende Gesetze befürworten – auf den gesunden Menschenverstand kann man sich leider nicht bei jedem Zeitgenossen verlassen.

Erstaunlicherweise waren die Autofahrer nur selten ein Grund zum Ärger. Letztlich fahren sie auf der Straße, ich bin auf dem Bürgersteig. Niemand war ungeduldig, wenn ich langsam über einen Zebrastreifen humpelte. Niemand war ungeduldig, wenn ich zum Einsteigen in mein Auto eben etwas länger brauchte und der andere sich schon über den Parkplatz freute.

Eines möchte ich jedoch meinen autofahrenden Mitmenschen (und mir selbst) mit auf den Weg geben: wo der Bürgersteig abgesenkt ist, darf NICHT geparkt werden. Nicht lang, nicht kurz, gar nicht. Einen Rollstuhl über eine Bordsteinkante zu wuchten, weil jemand den abgesenkten Teil zugeparkt hat, ist nicht wirklich lustig. Gleiches dürften wohl Eltern mit Kinderwagen oder ältere Menschen mit Rollator sagen.

Wesentlich nerviger sind (manche) Fahrradfahrer.

Grundsätzlich bin ich nicht päpstlicher als der Papst. Wer die Auswahl zwischen einer stark befahrenen Straße und dem Gehweg hat, dem missgönne ich den Gehweg nicht. Ich habe auch kein Problem, wenn Radfahrer durch die Fußgängerzone fahren. Kinder unter acht Jahren und ihre Begleitpersonen müssen sogar den Gehweg benutzen.

Jetzt kommt das Aber: die Straßenverkehrsordnung (STVO) sagt klar und eindeutig, dass Fußgänger auf Gehwegen Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern haben. Ein Radfahrer, der an einem Fußgänger nicht vorbei kommt, muss eben bremsen und absteigen. Das gilt auch für die oben erwähnten Kinder und ihre Begleiter.

Wer durch eine Stadt fährt oder geht, könnte denken, dass – allen Kochshows zum Trotz – Kochen out und Liefern-lassen in ist. Die Lieferhelden aller Couleur flitzen durch die Straßen, über rote Ampeln, Gehwege, Fußgängerzonen als gäbe es kein Morgen. Ich habe schon einmal spöttisch bemerkt, dass die Jungs und Mädels doch auf ihre Warmhalteboxen schreiben sollen, was drin ist. Dann könnte man besser entscheiden, ob man in die Eisen geht oder einen Crash riskiert.

Radfahrer fordern von Autofahrern einen Mindestabstand von 1,5 Metern. Es wäre sicher schön, wenn sie mit gutem Beispiel voran gehen und zu den Fußgängern einen Mindestabstand einhalten würden. Wenn der Fußgänger erschrickt und dem Radfahrer die Krücke zwischen die Speichen gerät, gibt es einen neuen Teilzeitbehinderten.

Was mich zu einer besonderen Spezies bringt: den Smombies. Dieses Wort bezeichnet Menschen, die permanent auf ihr Smartphone starren statt sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Zum Glück habe ich eine laute Stimme und kann einen Smombie warnen. Das schnelle Ausweichen gelingt mir noch nicht stolperfrei.

Ja, ich habe ein Smartphone.

Wenn ich unterwegs bin, ist es sicher in meinem Rucksack verstaut. Nur wenn ich eine Wartezeit überbrücken muss oder telefoniere, nehme ich es raus. Und wenn ich im Auto sitze, gehe ich erst gar nicht ran. Nichts ist so eilig, dass es nicht einige Minuten später noch eiliger wäre. Die meisten Gespräche (auch die meinen) drehen sich ohnehin um Dinge, die nicht lebenswichtig sind.

Die Menschen, die mich in gesundem wie in krankem Zustand am meisten Nerven kosten, sind Hundehalter. Damit bin ich bei meiner schlechten Erfahrung in der letzten Woche. Ich humpelte von der Chorprobe nach Hause als ich merkte, dass etwas an meinem Bein war. Das Etwas stellte sich als Trethupe heraus, der mir unbedingt zwischen die Beine laufen wollte. Dank meiner Krücke konnte ich mich gerade noch so auf den Beinen halten. Die dazugehörige Hundehalterin telefonierte leidenschaftlich und schien die Leine für so eine Art Modeaccessoir zu halten. Erst als ich rabiat damit drohte, den Hund mit der Krücke zu schlagen, fühlte sie sich genötigt, etwas zu unternehmen. Sie rief den Hund, den das gar nicht interessierte. Als ich dann anfing, mit der Krücke um mich zu schlagen, begriff sie wohl endlich den Ernst der Lage und leinte ihren Hund an. Ich tröste mich damit, dass der Hund vielleicht auch mal ihr zwischen die Beine läuft und sie zu Fall bringt. Eine Teilzeitbehinderte mehr.

Wie oft wir mit dem Rollstuhl Tretminenslalom gelaufen sind, kann ich nicht zählen. Obwohl es alle paar Meter Tütenspender gibt, machen nur wenige den Kot ihres Lieblings weg.

Ich kenne viele Leute, die Tiere halten – von der Vogelspinne bis zum Papagei. Aber niemand käme ernsthaft auf die Idee, eine Katze mit zum Shoppen zu nehmen oder seine Hamster in den Baumarkt. Warum ausgerechnet Hundehalter ihre Tiere überall hin mitschleppen müssen, erschließt sich mir nicht. Zumal das auch für die Tiere Stress ist.

Liebe Hundehalter(innen): leint Eure Tiere kurz an, wenn Ihr Euer Haus oder Eure Wohnung verlasst. Es gibt viele Möglichkeiten, Hunde toben und spielen zu lassen, auch in der Großstadt. Nutzt sie einfach. Im Wald müssen Hunde übrigens zwischen März und Oktober angeleint werden. Es ist Brut- und Setzzeit für die Waldtiere. Und auch die Landwirtschaft freut sich, wenn Hundehalter Disziplin üben. Schließlich bauen sie Lebensmittel an, die später gegessen werden sollen.

Bitte beseitigt Hundekot sofort, auch wenn sich der Liebling auf einer Wiese erleichtert hat. Die Ekelschwelle Eurer Mitmenschen ist niedriger als Ihr glaubt.

Lasst Euren Hund zu Hause, wenn Ihr einkaufen geht. Gönnt Euren Mitmenschen ein ebenso schönes Freizeiterlebnis wie Ihr es Euch für Euch selbst wünscht.

Wie ich eingangs schon sagte: ich gehe mit sehr viel offeneren Augen durch die Welt. Und mittlerweile spreche ich auch mit Menschen, die hilfebedürftig aussehen oder vielleicht einfach nur sympathisch.

Natürlich war es nervig, nichts machen zu können und auf Hilfe angewiesen zu sein. Ein paar Mal war ich kurz davor, wieder in die Depression abzurutschen. Trotzdem war diese Zeit wichtig für mich. Ich habe viel gelernt. Und die Beziehung zu meinem Freund ist so eng, dass wir schon so gut wie zusammen wohnen (unser beider Wohnungen sind zu klein) und eine Wohnung suchen, in der wir zusammen leben und glücklich sein können.

Wenn das Leben Dir eine Zitrone gibt, mache Dir eine Limonade daraus.

 

 

 

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Vorübergehend behindert (Teil 4)

Wir zogen aus, keiner wagte zu hoffen

 Auf euren Beistand im Auge des Sturms

 Doch von Beginn an, so steh’n wir geschlossen

 Wir für euch und ihr für uns

 Von den Gewalten der See ungebrochen

 Wir sind verschworen, so wie keiner sonst

 Wir für euch und ihr für uns

(Santiano)

 

Im April 2017 begann der Vorverkauf für die Arena-Tour der „Shanty-Rocker“ Santiano.

Voller Vorfreude kaufte ich zwei Karten in der Nähe der Bühne und erwartete das neue Album. Letzteres hat mich nicht enttäuscht, im Gegenteil. Ich finde es das bislang beste von den Seeleuten.

Was ich nicht ahnen konnte war, dass ich zum Konzert im Rollstuhl sitzen würde.

Und dass ich unbedingt das Konzert miterleben wollte. Schließlich war ich schon seit einem dreiviertel Jahr ganz hibbelig vor Freude und konnte es kaum erwarten.

Mein erster Anruf galt der Firma, bei der ich die Karten gekauft hatte.

Eine hörbar desinteressierte Dame teilte mir mit, dass man die Karten nicht zurück nehmen würde, auch nicht aus Kulanz. Was ich ohnehin nicht wollte.

Ich solle mich mit dem Veranstalter in Verbindung setzen. Auf Wiederhören. Die hatten ja ihr Geld, der Rest ging sie nichts an.

Die Festhallen GmbH war da ganz anders. Völlig unbürokratisch bekamen wir eine Ausnahmegenehmigung, um direkt an der Festhalle parken zu dürfen. Mein Freund könne mich dann in die Halle schieben und den Rollstuhl wieder im Auto verstauen, wenn ich auf meinem Stuhl sitzen würde.

Vor Ort stellte es sich heraus, dass ich doch hätte ein paar Stufen laufen müssen, was nicht ging. Kurz entschlossen organisierte die Security für mich einen Rollstuhlplatz und für meinen Freund einen Stuhl. Mit phantastischem Blick auf die Bühne.

Und das alles, obwohl das Konzert schon begonnen hatte. Wir hatten nämlich das Tor Nord nicht auf Anhieb gefunden. An der Beschilderung könnte noch gearbeitet werden, aber das ist Jammern auf höchstem Niveau. Ich bin allen Beteiligten unglaublich dankbar, dass ich Santiano sehen und hören durfte.

Obwohl Frontmann Björn Both reichlich angeschlagen war (Grippe), war es ein echtes Erlebnis – wie immer! Das Einzige, was ich etwas schade fand war, dass nicht viele Lieder aus dem neuen Album zu hören waren. Aber auch die Oldies sind Goodies.

 

Folgt meinem Ruf durch kalte Fluten

 Über die Gischt in schwarzer Nacht

 Gebt eure Hoffnung nie verloren

 Bewegt euch voran mit letzter Kraft

 

 Das ferne Ziel, spürt ihr es schwinden?

 Ganz gleich, wie hart der Sturm euch trifft

 Folgt meinem Ruf, auch wenn es euer letztes ist

Quellen:

http://www.songtexte.com/songtext/santiano/wir-fur-euch-und-ihr-fur-uns-g3e79dc3.html

http://www.songtexte.com/songtext/santiano/konnt-ihr-mich-horen-gbe79dc6.html

Vorübergehend behindert (Teil 3)

Der für mich im Krankenhaus zuständige Arzt war sehr besorgt um mich.

Ich bekam Verordnungen für: einen Gehbock, einen Rollstuhl, Krücken, hauswirtschaftliche und pflegerische Betreuung.

Die Dame von der Sozialstation in der Klinik war der Meinung, dass sich mein Freund ja um mich kümmern kann. Fall erledigt!

Was wäre gewesen, wenn dies unser erstes Date gewesen wäre, wir uns also gerade erst kennen gelernt hätten? Danach wurde nicht gefragt. Nur, warum ich als Familienstand „ledig und alleinstehend“ angegeben habe, wenn ich doch einen Freund habe.

Nun ja, man kann einen Freund haben und trotzdem alleine leben.

Die hauswirtschaftliche Betreuung wurde von der Krankenkasse genehmigt. Allerdings nur für vier Wochen. Wobei ich mindestens sechs Wochen lang nur auf einem Bein stehen darf. Und nur der billigste Anbieter darf es sein. In meinem Fall ist das ein kirchlicher Träger, der wahrscheinlich nur einen Gotteslohn an die abgehetzte und völlig übermüdete Dame zahlt, die nun einmal in der Woche kommt, um wenigstens zu saugen, zu wischen und das Bad oberflächlich zu säubern.

Verordnet wurden zweimal zwei Stunden – mehr wie einmal eine Stunde ist aber nicht drin.

Die pflegerische Betreuung (dreimal pro Woche Duschen) findet nicht statt – die Kasse zahlt es nur, wenn man eine Pflegestufe hat. Zum Glück komme ich ganz gut alleine zurecht, mein Seeheld hilft mir nur beim Ein- und Ausstieg aus der Badewanne.

Dafür habe ich jetzt eine zuständige Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse, die mir bei der Wiedereingliederung in meinen Arbeitsplatz helfen will. Eigentlich ganz einfach: sobald ich die drei Stockwerke im Büro hochkomme (nur Treppe), gehe ich wieder arbeiten. Ich werde mich also selbst wieder eingliedern. Außerdem ist die Dame telefonisch nicht zu erreichen. So viel dazu.

Mein früheres, auf Karriere und Wohlstand hin orientiertes Leben hat mir zumindest eines eingebracht: Ersparnisse.

Mein Glück, denn das Ganze verschlingt richtig Geld. Am kommenden Montag muss ich ins Krankenhaus zur Untersuchung. Da mein Seeheld arbeiten muss, brauche ich einen Krankentransport (EUR 81,50). Für vier Wochen wird die Reinigungskraft noch kommen, obwohl die Kasse nicht mehr zahlt (EUR 106,–). Die Rampe Marke Eigenbau (EUR 35,–), das Duschbrett und die Betterhöhung kommen noch dazu. Zum Glück brauche ich keinen Handwerker. Wie das jemand stemmen soll, der mit seinem Gehalt gerade mal so über den Monat kommt? Oder keine Hilfe hat?

Wir leben in einem der reichsten Länder dieses Planeten – aber wehe dem, der arm ist.

 

Vorübergehend behindert (Teil 2)

Das Leben ist hart, aber unfair (NK)

Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, frag nach Salz und Tequila (Sonja Kraus)

 

Ich dachte lange, dass „Helikoptereltern“ eine Erfindung gelangweilter Journalisten seien. Dass erwachsene Menschen sich im Hinblick auf ihre Kinder wirklich so überbehütend verhalten, habe ich nicht für möglich gehalten.

Ich bin Jahrgang 1962. Meine Mutter (eine typische „Nur-Hausfrau“) hat mich zwar noch zum Kindergarten gebracht und abgeholt, aber ab der Grundschulzeit ging ich alleine zur Schule und wieder nach Hause.

Durch unser Dorf zog sich die Hauptdurchgangsstraße von der Wetterau nach Frankfurt, gleichzeitig Umleitung für die A5. Ampeln gab es nicht, nur einen Zebrastreifen.

Außerdem gibt es dort eine große psychiatrische Einrichtung, hauptsächlich für Drogenabhängige. Nicht alle waren auf der geschlossenen Abteilung.

Was mir in dieser Zeit passiert ist? Nichts.

Und da es damals noch keine Handys gab, konnte ich auch nicht so einfach mal anrufen und Bescheid sagen, wenn es später wurde oder ich zu einer Freundin ging.

Dass die sogenannten „Helikoptereltern“ wohl ein echtes Problem sind, wurde mir erst bewusst, als ich einen Kurs der hiesigen Volkshochschule besuchte. Dieser fand in einer der hiesigen Grundschulen statt. Am Schultor hing ein Schild „Ab hier gehen wir alleine“ (sinngemäß). Es scheint also wirklich Eltern zu geben, die ihre Kinder bis ins Klassenzimmer begleiten und die Schulsachen tragen.

Das führt mich zurück zu meinem derzeitigen Zustand.

Ich bin positiv überrascht und erfreut, wie viele Menschen uns ihre Hilfe anbieten.

Allerdings sind diese Menschen meistens Ü40, wenn nicht sogar selbst hilfebedürftig. Was mich an eine Szene in der U-Bahn erinnert. Ich stand auf, um einem gehbehinderten älteren Herrn meinen Sitzplatz anzubieten. Was dieser aber entrüstet ablehnte – schließlich sei ich doch eine Frau.

Natürlich bieten mir auch junge Menschen Hilfe an – allerdings haben diese überraschend oft einen Migrationshintergrund, wie das heutzutage heißt.

Genauso überraschend sind die Blicke, die mir Mütter zuwerfen, die mit ihren Kindern unterwegs sind. Kinder sind ehrlich und neugierig – womit ich kein Problem habe. Aber ihre Mütter tun so, als sei mein gebrochener Fuß irgendwie ansteckend, am besten wäre ich wohl in Quarantäne.

Ich habe keine Kinder, man möge mir das nachsehen. Dafür zahle ich ja Steuerklasse I und einen erhöhten Pflegebeitrag.

Natürlich ist das eigene Kind das Beste, Liebste und Schönste. Aber deshalb ist nicht jedes Kind hochbegabt. Und das Universum dreht sich erst recht nicht nur um das eigene Kind.

Kinder werden erwachsen – und das ziemlich schnell. Dann wird niemandem mehr der rote Teppich ausgerollt, im Gegenteil. In der Ausbildung und im Arbeitsleben werden dann die ganz normalen Anforderungen gestellt: Pünktlichkeit, Fleiß, Engagement, Motivation. Und wenn ich in meiner Zeitung lese, dass Arbeitgeber bemängeln, dass es den Azubis an genau diesen Fähigkeiten mangelt, frage ich mich, ob die betreffenden Eltern wissen, was sie tun. Ihren Kindern tun sie jedenfalls keinen Gefallen.

Im Nachhinein bin ich meinen Eltern sehr dankbar für Ihre konsequente Erziehung. Eine schlechte Note war mein Versagen, nicht das des Lehrers. Für die nächste Klausur wurde mehr gelernt, und das Thema war gegessen.

Wenn wir Fehler gemacht haben, mussten wir für die Konsequenzen einstehen. Auf der anderen Seite waren unsere Eltern immer da, wenn wir uns bezüglich unserer eigenen Entscheidungen nicht sicher waren. Guten Rat gab’s jederzeit und kostenlos.

Allerdings gab es damals keine Erziehungsratgeber, Supernannys und sonstige Klugdefäkierer, die alles besser wussten und doch keine Ahnung hatten.

Unsere Eltern sind einfach ihren Instinkten gefolgt. Sie haben auch ihre Fehler gemacht, aber sie stehen dazu. Oder wie meine Mutter es ausdrückte: „Du lagst in meinen Armen, und ich wusste nicht, was jetzt zu tun war. Aber ich wusste, dass ich Dir all meine Liebe geben würde und mein Leben, um Deines zu schützen.“

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Helikopter-Eltern

https://www.focus.de/kultur/medien/kultur-und-leben-medien-an-der-nabelschnur-durchs-leben-gezogen_aid_757886.html

https://www.google.de/imgres?imgurl=http://t3.gstatic.com/images?q%3Dtbn:ANd9GcRKKo4RMNkLxqeoHTBruTY_ha5duzONg59xrK0LNiQcJQPi_7o5&imgrefurl=https://books.google.com/books/about/Wenn_das_Leben_dir_eine_Zitrone_gibt_fra.html?id%3DkEipmIm6s0IC%26source%3Dkp_cover&h=1080&w=708&tbnid=D2OQSw9yIhqzQM:&tbnh=160&tbnw=105&usg=__OrF_S-ybiUKNYvJ4d_EaAYzVdVY%3D&vet=10ahUKEwjHm6SjsJTZAhUNmbQKHZPaCSgQ_B0InAEwDw..i&docid=iPdtH3V8A1CSxM&itg=1&sa=X&ved=0ahUKEwjHm6SjsJTZAhUNmbQKHZPaCSgQ_B0InAEwDw

Vorübergehend behindert (Teil 1)

WAS IST ERFOLG?

Wenn Du oft und viel lachst;

 wenn Du den Respekt intelligenter Menschen

 und die Zuneigung von Kindern gewinnst,

 wenn Du die Anerkennung ernsthafter Kritiker verdienst

 und den Betrug durch falsche Freunde ertragen kannst;

 wenn Du dankbar bist für Schönheit;

 wenn Du in den anderen das Beste siehst;

 wenn Du eine Welt hinterläßt,

 die ein wenig besser geworden ist,

 ob durch ein gesundes Kind, einen blühenden Garten

 oder eine verbesserte soziale Umgebung;

 wenn Du weißt, daß auch nur ein einziges Lebewesen

 leichter atmen kann, weil es Dich gibt;

 dann bist Du erfolgreich.

 (Ralph Waldo Emerson)

 

 

Mein Seeheld und ich waren wandern.

Bei der Wahl der Route haben wir auf Bewährtes zurückgegriffen. Wir sind den Vogelsberg-Höhenweg schon einmal im Sommer gelaufen. Daher wussten wir, dass die Wege gepflegt sind und wir nicht wirklich durch den Wald laufen mussten. Wegen der heftigen Stürme wollten wir nicht riskieren, von einem herunter fallenden Ast getroffen zu werden.

Es lag noch Schnee, und wo keiner lag, stand das Wasser knöchelhoch. Eine angenehme Wanderung geht anders.

Trotzdem sind wir zum Hoherotskopf gekommen, und haben uns nach Kaffee und Kuchen auf den Rückweg zum Parkplatz gemacht. Es geht noch circa 1,5 Kilometer durch Wiesen, die natürlich auch mit Wasser vollgesogen und entsprechend glitschig waren.

Es war wohl nur eine Millisekunde Unaufmerksamkeit, aber plötzlich zog es mir das rechte Bein weg und ich lag im Matsch.

Mein Seeheld wollte mir beim Aufstehen helfen, aber dabei schossen mir heftige Schmerzen durch den rechten Fuß und das Bein hinauf.

In Ermangelung eines Handynetzes lief er zum Hoherotskopf zurück und alarmierte die Bergwacht, die dann angeschlittert kam. Auch mein Seeheld hatte sich mal gelegt, zum Glück aber ohne Verletzung.

Ich wurde mittels Schlitten und Quad zum Parkplatz gebracht, wo schon der Rettungswagen auf mich wartete. Dieser brachte mich ins nächstgelegene Krankenhaus nach Schotten, wo dann endlich meine Wanderschuhe und meine Kleidung entfernt wurden. Mittlerweile war ich ziemlich durchgefroren.

Der Arzt besah sich meinen Knöchel, der auf den Umfang eines kleineren Kürbisses angeschwollen war und schickte mich zum Röntgen. Mit den Röntgenaufnahmen in der Hand überbrachte er mir die Hiobsbotschaft: zweifacher Bruch des Sprunggelenks, Operation am nächsten Tag, danach sechs Wochen absolute Schonung, nach Entfernung der Stellschrauben darf ich dann langsam wieder den Fuß belasten.

Ich habe einen befristeten Arbeitsvertrag, der am 31.3.18 endet und bin auf Stellensuche. Ganz davon abgesehen, dass ich immer noch hoffe, vielleicht doch bei meinem derzeitigen Arbeitgeber bleiben zu dürfen.

Dazu kommt, dass meine Wohnung absolut nicht auf einen bewegungseingeschränkten Menschen eingerichtet ist. Ehrlich gesagt ist sie ein ziemlicher Sauhaufen, weil meine Depressionen mich sehr unempfindlich gegenüber dem eigenen Wohlbefinden gemacht haben. Verwahrlosung ist leider ein Bestandteil dieser Krankheit.

Während ich im Krankenhaus lag und mich selbst bemitleidete, schlug die Stunde meines Seehelden.

Er organisierte die Hilfsmittel, die ich verordnet bekommen habe: Duschbrett und –hocker, Rollstuhl, Krücken, Gehbock, Toilettensitzerhöhung. Mein eher Futon-artiges Bett wurde um dreißig Zentimeter erhöht. Für die Stufe vor der Haustür hat er eine Rampe gebaut. Und er nahm sich dreieinhalb Wochen Urlaub, um mich zu verwöhnen und zu versorgen.

Während ich das schreibe, sind die ersten drei Wochen der sechs Wochen vorbei. Mittlerweile habe ich keinen Gips mehr, sondern einen orthopädischen Stiefel, der es mir erlaubt, den Fuß leicht zu belasten. Und ich komme größtenteils alleine klar. Mein Seeheld ist vorübergehend bei mir eingezogen und hat seine Kaffeemaschine mitgebracht. Er bereitet mir alles vor, damit ich weder hungern noch dürsten muss.

Trotzdem habe ich manchmal Rückfälle in die Depression. Wenigstens ist das Wetter nicht gut, sonst würde ich mich erst recht wie eingesperrt fühlen. Mir fehlt das gemeinsame Tanzen, die Spaziergänge, die Wanderungen – sechs Wochen sind einfach nur furchtbar lang.

Immer, wenn es geht, schiebt mich mein Seeheld im Rollstuhl durch die Bad Homburger Champagnerluft. Aber ab der nächsten Woche muss er wieder arbeiten – dann bin ich tagsüber alleine.

Meine Sicht der Dinge verändert sich gerade. Sich selbständig fortbewegen und versorgen zu können, ist ein Geschenk, das ich nie wirklich zu würdigen wusste – es war ja selbstverständlich.

Ich erlebe meinen Alltag wie ein behinderter Mensch – mit dem Gehbock bewege ich mich hüpfend durch die Wohnung. Gehen wir raus, sitze ich im Rollstuhl.

Mein Respekt vor Menschen mit Behinderung steigt von Minute zu Minute. Was für mich gelegentliche Einschränkungen sind, ist deren Alltag.

Ich gehöre noch zu einer Generation, die zur Rücksichtnahme auf andere erzogen wurde. Ich halte Türen auf, biete Sitzplätze an – und bin trotzdem genauso gedankenlos wie Andere auch, wenn es um Verhaltensweisen geht, die anderen Menschen das Leben erleichtern würden.

Was ich gerade kennen- und schätzen lerne: Dankbarkeit, Freundschaft, Hilfe.

Was mich nervt: dazu später.

Quelle:

Buchwelten

Ein Buch ist ein Garten, den man in der Tasche trägt. (Arab. Sprichwort)

Papier ist ein Material, das seinerseits aus natürlichen Stoffen besteht. Sei es Pergament aus Tierhaut, sei es Papier aus Holz, Baumwolle, Bananenblättern oder recyceltem Papier.

So ist es schon fast zwangsläufig, dass zeitgenössische Künstler sich auch mit Papier und dem Medium Buch beschäftigen.

Das Sinclairhaus in Bad Homburg zeigt dies in seiner (vorerst letzten) Ausstellung „Bücherwelten“. Das Haus wird danach umfassend renoviert und modernisiert.

Umso glücklicher war ich, dass ich die Möglichkeit hatte, an der exklusiven Hörerführung von HR2 Kultur teilzunehmen. Der Kurator Johannes Janssen und der Literaturredakteur von HR2, Ulf Menzer, führten durch die Ausstellung und erzählten viel Spannendes, das man nicht während eines „normalen“ Besuches erfährt.

„Bücherwelten“ ist eine der grandiosesten Ausstellungen, die ich seit langem gesehen habe. Aus der Fülle der gezeigten Exponate möchte ich einige vorstellen.

Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne. (Jean Paul)

Guy Laramée hat im Jahr 2012 aus der letzten gedruckten Ausgabe der Enzyclopedia Britannica einen Grand Canyon geschnitzt. „The great library“ entstand mit Hilfe von Zahnarztwerkzeugen, die besonders gut für filigrane Arbeiten geeignet sind. Bei mir löste das Werk eine gewisse Wehmut aus – es ist wie ein Abgesang auf das Medium Buch. Die Enzyclopedia Britannica erscheint jetzt nur noch online.

Bücher sind nicht Denkmäler der Vergangenheit, sondern Waffe der Gegenwart. (Heinrich Laube)

Max Schmelcher hat Torfbücher erstellt. Unter dem Titel „10.000 Jahre Geschichte 1“ sieht man ein trocknendes Buch, das im Laufe der Ausstellung immer mehr an Masse und Gewicht verliert. Ein frisches Buch liegt daneben („10.000 Jahre Geschichte 2“). Bücher sind dem Verfall ausgesetzt. Dies gilt aber auch für elektronische und digitale Medien. Nichts ist für immer. Bücher als Medium gibt es aber schon seit über 5.000 Jahren. Und vielleicht sind sie das einzige, das vom Menschen in 5.000 Jahren noch übrig ist.

Nicht diejenigen haben die Bücher recht lieb, welche sie unberührt in ihren Schränken aufheben, sondern sie Tag und Nacht in den Händen haben, und daher beschmutzet sind, welche Eselsohren darein machen, sie abnutzen und mit Anmerkungen bedecken. (Erasmus von Rotterdam).

Der Kunststudent Thumo Franke hat drei Bücher bepflanzt. Es ist das einzige Kunstwerk in der Ausstellung, das regelmäßig gegossen werden muss. In den Jahren 2015 und 2016 hat er einen Band „Perry Rhodan“, das „kleine Börsenlexikon“ von Mindner und ein weiteres Buch, das nicht mehr zu identifizieren ist, bepflanzt. Die Natur findet zur Natur zurück.

Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. (Heinrich Heine)

Hungriger, greif nach dem Buch: Es ist eine Waffe! (Bert Brecht)

Bücher waren auch immer gefährlich für die herrschende Ordnung. Sie zeigten Alternativen, forderten zum Widerstand auf oder wurden nur deshalb verboten, weil der Autor einer bestimmten Religion angehört, einer bestimmten Nationalität, einer bestimmten politischen Richtung.

Cornelia Conrads hat dies in ihren Buch-Kunstwerken umgesetzt. „Blindbuch“ (2002) ist ein Buch, das mit Rosendornen gespickt ist. Es erinnert auch an die Urfassung des Grimm’schen Märchens „Rapunzel“, in dem der Prinz in die Dornen fällt und dadurch erblindet. Erst Rapunzels Tränen geben ihm das Augenlicht zurück.

Das „Tränenbuch“ (2005) besteht aus Stacheldraht. Von der Frühzeit bis heute wurden und werden Menschen eingesperrt, verurteilt und sogar hingerichtet, weil sie ihre Meinung zu Papier brachten.

Das „Brandbuch IV“ (2005) besteht aus angebrannten Kerzen. Symbol für das verlöschende Licht und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit.

Seien Sie vorsichtig mit Gesundheitsbüchern – Sie könnten an einem Druckfehler sterben. (Mark Twain)

Jedes Jahr gestaltet ein Künstler den Geschäftsbericht der Firma Zumtobel. In den Jahren 2011/2012 war dies Anish Kapoor.

Die Künstlerin konnte damals nicht wissen, dass Zumtobel sein Werk in Usingen im Jahr 2017 ziemlich plötzlich und unerwartet schließen und die Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit schicken würde. Mittlerweile hat ein anderes, in Usingen ansässiges, Unternehmen die Gebäude gekauft und baut sie zur ihrer Unternehmenszentrale um. Ein Kunstwerk als Abgesang wider Willen.

Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen. (Francis Bacon)

In Norwegen wurde im Jahr 2014 ein Wald gepflanzt. Die Bäume sollen im Jahr 2114 zum Papier für eine besondere Bibliothek werden. Jedes Jahr schreibt ein anderer Autor ein Buch, das erst im Jahr 2114 gedruckt und veröffentlicht wird – die Bibliothek der Zukunft. Ich hoffe, dass es dann noch Bücher in Papierform und Buchdruck gibt. Leider werde ich es nicht mehr erleben. Was ich wirklich bedauere, denn das erste Buch ist von einer meiner Lieblingsautorinnen, Margaret Atwood. Im Jahr 2015 kam der Beitrag von David Mitchell, im Jahr 2016 von der isländischen Autorin Sjön.

Ich habe Ruhe gesucht, überall und habe sie am Ende gefunden in einem engen Winkel bei einem kleinen Buche. (Franz von Sales)

 

Quellen:

http://www.museumsinclairhaus.de/ausstellungen/aktuell/

http://www.hr2.de/kulturscout/veranstaltungen/audio-8074.html

http://www.usinger-anzeiger.de/lokales/usingen/jarltech-kauft-zumtobel-immobilie_18183579.htm

https://www.futurelibrary.no/#/information

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Buchzitate

Weihnachtliches Frankfurt 

Ich liebe Frankfurt – und ich liebe es, das was ich kenne, auch einmal mit den Augen eines Fremden zu betrachten und Dinge zu erfahren, die ich bislang nicht wusste.

Deshalb mache ich auch gerne Stadtführungen mit. Dass Sascha nicht nur Gästeführer, sondern auch ein guter Freund ist, macht das Ganze noch spannender.

Leider fand die Führung durch das weihnachtliche Frankfurt erst nach Weihnachten statt. Der Weihnachtsmarkt war also schon abgebaut, trotzdem war es sehr schön und auch durchaus besinnlich.

Die Führung begann im Dom. Eigentlich mehr ein Dömchen. Wer andere Dome und Kathedralen kennt, ist wahrscheinlich ein wenig enttäuscht, denn der Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus ist nicht sehr groß und auch nur ein Dom ehrenhalber. Frankfurt gehört zum Bistum Limburg und war selbst nie Bischofssitz.

Die Katholiken haben (eigentlich) zwei Fastenzeiten: die sieben Wochen vor Ostern und die Adventszeit. Die Triptychons (dreiteilige Altäre) waren geschlossen und wurden erst an den Festtagen wieder geöffnet.

Während der Fastenzeiten war der Genuss von Fleisch verboten. Nach der Mitternachtsmesse (Christmette) gab es gleich am Dom wieder den ersten fleischlichen Genuss, die Mettwürstchen. Sie wurden in der Schirn (kleinen Lädchen mit ausklappbarem Tisch) verkauft. Heute steht der Name „Schirn“ für die Frankfurter Kunsthalle.

In der Nähe des Doms gibt es die „Hainer Höfe“, ein Relikt der Nazi-Architektur. Im Mittelalter war dort ein Zisterzienserkloster, in dem Otto der Große und sein Bruder Heinrich der Löwe an einem Weihnachtsfest Versöhnung feierten.

Die Juden feiern zwar kein Weihnachten, dafür aber ihr Neujahrsfest Rosh-Ha-Shannah. Davon ist unser Neujahrswunsch „Guter Rutsch“ abgeleitet.

Der Liebfrauenberg war unsere nächste Station. Der Legende nach soll dort der Kinderfresser gehaust haben, der um die Weihnachtszeit die unartigen Kinder eingesammelt und eingesperrt hat. So wie viele andere Legenden auch ist diese wohl eher dazu angetan, Kindern das Brav-Sein näher zu bringen.

Aber wir Hessen lieben es etwas handfester. Aus Waisenkindern soll der Kinderfresser Suppe hergestellt und diese an die unartigen Kinder verfüttert haben. Und wenn man sich überlegt, wie viele Kinder es damals gab (18./19. Jahrhundert) und wie viele Waisen, dann dürfte der Eindruck, den diese Legende hinterließ, sowohl nachhaltig als auch erschreckend gewesen sein.

Der Abschluss der Führung war das Franziskanerkloster auf dem Liebfrauenberg – ein Ort der Stille und der Einkehr mitten im Großstadtgewühl.

Die Führung war sehr stimmungsvoll und hat großen Spaß gemacht.

 

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurt_am_Main